Eine Reise zwischen Welten. Begegnungen mit offenen, herzlichen Menschen. Respekt und Freude gegenüber Touristen, die die Schönheit des Landes hinter Armut und Zerstörung sehen und zu schätzen wissen. Ein Land, das alles hat, was sich Weltentdecker und Abenteurer wünschen.
Tempel
Wenn Rustham mit seinen Gästen eine Tour durch „seine“ Stadt startet, hat er einen Regenschirm dabei. „Der Monsun geht gerade erst zu Ende“, grinst er, „da weiß man nie.“ Wer seinen ersten Monsunregen erlebt hat weiß, dass eine klassische deutsche Regenjacke quasi umsonst ist. In Sekundenschnelle steht das Wasser auf den Straßen und die Tropfen scheinen aus allen Richtungen zu kommen. Aber heute ist es heiß in Kathmandu. Die Luft steht in dem Talkessel, der Smog aus den Abgasen der unzähligen Mopeds, alten Autos und klapprigen LKW´s hängt wie eine Käseglocke über der Hauptstadt Nepals. Spätestens jetzt fragt sich so mancher, warum er ausgerechnet hier einen Teil seines Urlaubs verbringen soll. Doch Kathmandu ist – genau wie der Rest des Landes – einzigartig. Ein Schmelztiegel der Religionen, Kulturen und Menschen.
Es ist nicht das erste Mal, dass ich hier ankomme. Beim Anflug auf die Stadt bietet sich ein sensationelles Bild über die grünen Hügel des Valleys, am fernen Horizont sind schemenhaft die schneebedeckten Gipfel der 8000er zu erkennen. Ein Regenbogen spannt sich über den Dächern, scheint gleichsam ein Willkommenszeichen und Hoffnungsschimmer für die Eintreffenden zu sein. Touristen in Trekkingkleidung aus dem Westen und Einheimische, die in den Emiraten arbeiten um ihre hier wohnenden Familien zu ernähren, strömen aus dem Flieger. Rustham erwartet uns schon, hängt uns den obligatorischen weißen Schal „für eine gute Reise“ um den Hals.
Diese Stadt ist laut, chaotisch und schmutzig. Und dennoch übt sie einen latenten Charme aus, einen Reiz, dem sich kaum ein Kathmandubesucher entziehen kann. Neulinge in einem der ärmsten Länder Asiens können die ersten Minuten durchaus in einen Schockzustand versetzen. Ich dagegen labe mich an den sich mir bietenden Eindrücken am Straßenrand: Händler mit altersschwachen Fahrrädern bieten Kiloweise Bananen an, Rikschafahrer buhlen um Gäste, ein buntes Gemisch an farbenfroh gekleideten Frauen, Mönche in roten Kutten und Kinder in Schuluniformen sind des Weges. In der Ferne erkenne ich Swayambunaht, eine der bedeutendes buddhistischen Stupas auf einem Hügel mitten in der Stadt.
Wie fast alle Touristen steigen auch wir im Thamel, dem betriebsamen Geschäftsviertel, ab. Die Gassen sind eng, Händler an Händler verkaufen Strickwaren, Trekkingausrüstungen, Tees, Seidenschals und Kunstgewerbe. Ich liebe diese Betriebsamkeit, die offenen Menschen und die vollgestopften Gassen. Beim Bummeln durch dieses Gewirr vergisst man die Zeit. Es ist eine kleine quirlig und verdrehte Welt für sich, dies sich hier dem Besucher bietet. Als bekennender Kathmandu Fan lande ich natürlich bei Pilgrim´s – dem wohl spannendsten und berühmtesten Buchladen der Welt und trinke meinen italienischen Cappucino in der deutschen Bäckerei. Zum Genuss von Lassi, einem Joghurtgetränk, fahren wir nach Bakthapur, wo es im tibetischen Cafe mit Blick über den lebhaften Durbar Square angeblich die beste gibt. Neben Patan gehört dieser Vorort der Hauptstadt zu den berühmtesten Kulturdenkmälern des Landes.
Rauchschwaden liegen in der Luft. Am Rande des … werden auf großen Scheiterhaufen die mit Tüchern verhüllten und Blumen geschmückten Leichname verbrannt. Die ganze Familie versammelt sich bei diesem Ritual. Für den Zuschauer ist der Ritus in Pashabunath eine Mischung aus Faszination und Widerwillen. Auf dem Weg zu den Tempeln kaufe ich mir eine Kette aus Rudraksha-Samen. Sie soll Krankheiten abwehren und Glück bringen. Auf dem Hügel Swayambunath turnen die Affen und warten auf eine Gelegenheit, etwas Essbares zu stibitzen. Händler versuchen Gebetsmühlen, Klangschalen und Armreifen mit Buddha´s Augen an den Mann zu bringen und zwischen Gläubigen, Touristen und bettelnden Frauen mit Babys auf dem Arm wird der Blick immer wieder frei auf die Stadt. Mein Lieblingsort aber ist Bodnath. Der wohl berühmteste Stupa versinnbildlicht das Land wie kein anderer Ort. Schon die ersten Schritte um das imposante … herum versetzt mich in eine fast meditative Stimmung. Der Duft der Räucherstäbchen zieht vermischt sich mit dem Gemurmel der betenden Mönche aus dem Kloster, hunderte von Gebetsfahnen flattern im Wind und aus den unzähligen kleinen Geschäften tönt „Om mani padme om“ – das Mantra, ohne das in Nepal nichts zu funktionieren scheint. Der meditative Gesang prägt sich einem ein und begleitet den Gang um die Stupa, immer im Uhrzeigersinn. Die Augen Buddhas sind dabei allgegenwärtig, verfolgen dich egal wo du stehst. Irgendwann weißt du nicht mehr, wo der Anfang und das Ende sind. „Die unendliche Schleife“ würde Rustam sagen. Die Zeichen des Buddhismus lassen einen in diesem Land nicht los – ob man es will oder nicht.
Trekking
Regen. Regen von oben, von der Seite und von unten? Was da vom Boden kam sind jedoch keine Tropfen, sondern fast schon niedliche kleine Blutegel, „leaches“ wie unser Trekkingguide lachend sagt und uns behilflich ist, die Blutsauger zu entfernen, „they come with the rain“. Na kurzer Zeit sind meine ursprünglich weißen Wandersocken mit Blutflecken übersäht. Spätestens jetzt weiß man, warum die Hosen in die Socken gesteckt werden sollen. Langsam geht es bergan, durch dampfenden, blühenden und ursprünglichen Regenwald. Ob die Nässe vom Schweiß der Anstrengung oder dem unendlichen Regen herrührt, ist bald nicht mehr zu unterscheiden. Doch irgendwann haben wir das Dorf … erreicht. Wie ausgestorben sind die Gassen. Eine fröhlich lachende Nepalesin winkt uns in ihr kleines Gasthaus. Auf der mit einer Folie abgedeckten Veranda serviert sie uns heißen Chai, sichtlich amüsiert über die wanderwütigen Touris in Regencapes, triefend nass und doch voller Motivation, die herrliche Annapurna Range per pedes zu entdecken. In diesem Moment kann man sich nichts Besseres vorstellen!
Ankunft in der Basanta Lodge. Ein paar zaghafte Sonnenstrahlen dringen durch die Wolken, ein blaues Band schiebt sich dazwischen und gibt den Blick frei. Diesen sagenhaften Blick auf die gesamte Annapurna Range. Es ist ein Bild, das den Atem raubt. Sprachlos macht ob der unendlichen Würde und Mächtigkeit dieser höchsten Berge der Erde. Während wir im noch subtropischen Klima schwitzen erscheinen die im ewigen Eis und Schnee gefangenen Gipfel wie Boten aus einer anderen Welt.
Tiger
Die Straße schlängelt sich durch ein enges Tal. An einer Seite begrenzt durch hohe Felswände, über die das Wasser fließt, auf der anderen Seite eine tiefe Schlucht, durch die sich der Narayani windet. Es ist die Hauptverkehrsader nach Indien. Bunt geschmückte LKW´s, Pritschenwagen mit Ziegen, Busse voller Menschen und dazwischen wir. Eng am Abhang stehen primitive Bretterbuden, wo auf offenen Feuern Dhal und Momos für die Reisenden angeboten werden. Dazwischen hüpfen kleine Kinder herum – ein Alptraum für unser deutsches Fürsorge-denken. In abenteuerlichen Überholmanövern versucht unser sensationell talentierter junger Fahrer ein wenig flotter voran zu kommen – was letztendlich aber nicht wirklich funktioniert. Geduld und Gelassenheit sind hier gefragt. Doch irgendwann ist dies überwunden, das Tal liegt hinter uns und wir erreichen endlich den Chitwan-Nationalpark.
Um es vorweg zu nehmen: Tiger sahen wir keinen – nur einen frischen Tatzenabdruck auf dem lehmigen Weg. Doch wir entdeckten weitaus mehr in diesem sehr ursprünglichen und wenig frequentierten Nationalpark. Asiatische Nashörner, träge Krokodile, badende Elefanten (die sich einen Spaß daraus machen, uns auch eine Dusche zu verabreichen) und eine bezauberndes Landschaft, die gleich dem träge dahinfließenden Fluss das Tempo und die Mentalität des Lebens und der Menschen hier bestimmt.
Was könnte ich nicht alles über dieses wilde und gelassene, wunderschöne und fordernde Land schreiben. Über den Manaslu, der wie ein mächtiger Wächter über der kleinen Bergstadt Gorkha thront. Über Pokhara, diese gemütliche, kleine Stadt am Phewa See, die voll mit Abenteuersuchenden der ganzen Welt ist, über das großartige Annapurna-Massiv, das jeden Tag für sensationelle Ausblicke sorgt. Über viele kleine Begebenheiten am Wegesrand. Und über Menschen, die hier trotz aller Widrigkeiten mit Überzeugung leben.
In Nepal gerät man in eine Achterbahn der Gefühle. Zwischen Begeisterung und Befangenheit, Demut und Faszination schafft es der kleine Staat inmitten der höchsten Berge der Erde zum wiederholten Mal, mich in seinen Bann zu ziehen. Und das bestimmt nicht das letzte Mal.
©Susanne Pinn







