Malaysia – Wo die wilden Kerle hausen

An den dschungelbedeckten Ufern der Flüsse Sarawaks lebt eines der letzten Naturvölker unserer Erde: Die Kopfjäger vom Stamme der Iban.  Doch wie wild sind diese Wilden wirklich? Wer dies herausfinden will, muss eine abenteuerliche Reise wagen – in den Nordwesten der Insel Borneo.

Der Dschungel dampft. Die Luft ist von einer feuchtheißen Schwüle, das Atmen fällt schwer. Ruhig gleitet das Langboot über den  Fluss. Nur der Fahrtwind sorgt für eine kleine Abkühlung. In der Uferböschung blitzen die Augen eines kleinen Krokodils. Lautlos verschwindet es zwischen den Mangrovenwurzeln. Das Dröhnen des Dieselmotors verbindet sich mit dem schrillen Zirpen der Zikaden zu einer dichten Geräuschkulisse, ähnlich dem undurchdringlichen Dickicht am Uferrand.  Ein Nashornvogel mit seinem typischen gebogenen Schnabel saust über das Wasser. Zusammen mit dem modrigen Geruch, der aus dem bis zum Ufer reichenden Urwald herausdringt, ist die ganze Atmosphäre eine Herausforderung für die Sinne.                                        

Hier, im malaysischen Teil Borneos, leben in den letzten unberührten Gebieten des tropischen Regenwalds die Kopfjäger von Sarawak. Zwei Reisende aus Holland sitzen mit mir in einer Prau, wie die Eingeborenen ihr einziges Fortbewegungsmittel nennen. Unser Weg führt uns flussaufwärts zu einer kleinen Siedlung des Volksstammes der Iban. Der vierzigjährige Paul Mathew, Reisebegleiter unserer kleinen Truppe, ist Stammesangehöriger. Groß, kräftig und mit einem Dauergrinsen im karamellfarbenen Gesicht, begleitet er schon seit zehn Jahren abenteuerlustige Touristen in die entlegensten Gegenden Malaysias. Ihm entgeht keine Regung in dem grünen Gewirr, das sich an engen Stellen des Flusses wie ein Dach über uns zusammenzieht. Es scheint, als weise dieser natürliche Tunnel den Weg in eine völlig andere Welt.

Die Iban, auch Sea Dayak genannt, stellen 30 Prozent der Gesamtbevölkerung des malaysischen Borneos und leben zum großen Teil an den sarawakischen Flüssen. Noch vor 70 Jahren hätten fremde Eindringlinge um ihr Leben fürchten müssen. Schließlich galten die Wilden als Kopfjäger. Im 19. Jahrhundert führte dies zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit europäischen Kolonialmächten, besonders mit dem als „weißer Raja“ und Sultan von Sarawak bekannt gewordenen britischem Abenteurer James Brook. Dieser machte der Kopfjägerei ein Ende, indem er die Jäger selbst köpfen ließ. Bis Ende des 19. Jahrhunderts galt die brutale Enthauptung  als vollständig abgeschafft. Trotzdem rollten im Zweiten Weltkrieg noch ein paar letzte japanische Schädel. Heute werden Gäste herzlicher aufgenommen.

Nach zwei Stunden  Fahrt ab dem kleinen Dörfchen Lubuk Subong erscheint eine Naja, ein Langhaus.Dreißig Iban-Familien wohnen hier zusammen unter einem Dach. Von der Ruai, einer Art Veranda, zweigen zahlreiche Türen zu den Unterkünften der  Familien ab. Haben sich die Augen an das diffuse Licht gewöhnt, ziehen die an der Decke baumelnden Gegenstände den Blick auf sich. Geschnitzte Schrumpfköpfe mit Strohhaar, Blasrohre, geflochtene Körbe, Ketten aus allerlei getrockneten Beeren, Macheten und spitzige Hüte zeugen von Geisterbeschwörungen und alten Traditionen. Doch die Faszination über die Zeugnisse der alten Bräuche verschwindet durch die plötzliche Konfrontation mit der eigenen westlichen Welt. Postkarten aus allen Ländern der Erde schmücken neben Fotos von Filmstars, berühmten Fußballspielern und selbst dem Papst die Wände. Das Adidas-shirt mit Bayern München Logo hängt neben einer traditionellen Pua Kumbu, einer Art Wickelrock, Motorsägen baumeln mit Breitbeilen von der Decke.

Klein, mit bronzefarbener Haut, pechschwarzem Haar und kantigen Wangenknochen strömen jetzt die Bewohner aus allen Türen. Cinta Kanyan, die Frau des Stammeshäuptlings, serviert Tee. Ruhig wird es, als ihr Mann, der tuai rumah, auftritt. Alo Kanyan, kaum eins sechzig groß, schmal und drahtig, mit einem blauen Trainingsanzug bekleidet, eine Zigarette im Mundwinkel, lässt sich gelassen im Schneidersitz auf dem Boden nieder. Die Tätowierungen auf seinem Hals und seinen Armen, die ihn als mächtigen Mann auszeichnen, sind auf der faltigen Haut unkenntlich geworden. Das Oberhaupt der Gemeinschaft wird bei allen wichtigen Familienangelegenheiten zu Rate gezogen. Er schlichtet Streitereien und verwaltet Lebensmittel und Güter des täglichen Lebens. Beim Versuch, eine Art Verwaltungssystem unter den Iban zu schaffen, hatte schon James Brook den Posten des Häuptlings soweit gestärkt, dass dieser als Vermittler zwischen dem Stamm und der Regierung von Sarawak fungierte. Noch heute hat der tuai rumah einen Sitz im Parlament.                                 

Paul übersetzt die freundlichen Begrüßungsworte, und es gibt tuak, einen selbstgebrannten, scharfen Reisschnaps, der großzügig in Plastikbechern ausgeschenkt wird. Tatsächlich scheinen die Iban sehr trinkfest während wir bald  in das vorbereitete Lager am anderen Ende der Veranda torkeln. Mit einer Matratze am Boden und einem aufgehängten dünnen Stoff, der als Moskitoschutz dient, haben es uns die Gastgeber so bequem wie möglich gemacht.

Die nächtlichen Geräusche  des Regenwaldes dringen durch die dünnen Bretterwände. Der träge Morgen, von den Iban mit einem ersten tuak und einer Zigarette zelebriert, macht gegen Mittag einem geschäftigen Treiben Platz: Netze werden geflickt, Körbe geflochten, der Generator geölt – jeder hat seine Aufgabe, der er mit der typisch ibanischen Gelassenheit nachgeht.

Der Regenguss kommt plötzlich. Wie ein Trommelwirbel prasselt er auf das Wellblechdach und verhindert jegliche Unterhaltung. Für die Menschen hier gehört der tägliche Wolkenbruch zum Alltag. Mit großen runden Spitzhüten kommen einige Frauen lachend und tropfnass vom Bootssteg. Auf dem Rücken tragen sie lange, bis zu zwanzig Zentimeter dicke Bambusrohre. „Makai, makai“, rufen sie fröhlich, als sie die fragenden Blicke sehen. Ein Begriff, der gleichzeitig für Lebensmittel, Essen und Kochen steht.  Genauso schnell, wie er kam, ist der Regen wieder vorbei. Wie aus einem dampfenden Kochtopf steigt schwüle Luft aus dem Urwald. Während einige Männer nahe dem Fluss ein Feuer entfachen, schleppen die Frauen Schalen mit Reis und rohem Fleisch heran. Beides wird in die Rohre gepresst, der Rest in große Bambusblätter fest eingewickelt und direkt ins Feuer gelegt. Eilig hat es hier niemand. Und auch wir bewegen uns mittlerweile mit einer gewissen Trägheit. Bei dieser schonenden, fettarmen Ernährung ist es kein Wunder, dass sich die Iban eines hohen Alters erfreuen dürfen. „Außerdem haben wir Tongkat Ali!“, sagt Paul. Die roten Beeren dieser Pflanze seien nicht nur anregend für das geistige und körperliche Wohlbefinden, sondern auch ein natürliches Viagra. Die älteren Männer nicken augenzwinkernd, die jungen stoßen sich an und kichern.

Das abendliche Ritual auf der Veranda zeigt die tiefe Verwurzelung des Stammes in alten Traditionen und Werten. Der Klang eines Gongs und eines Xyolphons bilden eine eintönige Melodie. Regelmäßig bitten die Iban so die Götter um eine gute Ernte. Ein junger Mann steht auf und bewegt sich in gebeugter Haltung und stampfenden Schritten zur Musik. Nur ein Lendenschurz und eine bestickte Weste bedecken ihn. Auf dem Kopf sitzen lange Federn, an einem Stirnband befestigt. Ein Mädchen in bunter Tracht, mit unzähligen klimpernden Talern behangen, gesellt sich zu ihm. Das konstante Trommeln, die geschmeidigen Bewegungen der Tänzer und die rauchgeschwängerte Luft versetzen auch die Zuschauer in einen medialen Zustand. Dass heutzutage die traditionellen Tänze mehr für die Touristen als für die Geister aufgeführt werden, mindert den Zauber des Augenblicks nicht. Ein lautes „Ooha“ unterbricht die Stimmung jäh. Der ibanische Trinkspruch läutet wieder einen langen Abend mit flaschenweise tuak ein.                                                       

Alo Kanyan sitzt am Steg und blickt auf den Fluss. Seine Zigarette glüht in der schwarzen Nacht. Gelächter und Gesang aus dem Langhaus vereint sich mit dem Plätschern der Wellen und dem Ruf der Zikaden. Eine Fledermaus gleitet über das Wasser. Die Ansprache an die Gäste ist gehalten, die Geschenke ausgeteilt. Das hier ist sein Leben. Morgen werden die Besucher der anderen Welt wieder abreisen.

Die Wilden sind nicht mehr so wild wie einst. Herzlich empfangen sie  Gäste und bieten ihnen bereitwillig Einblick in ihr Leben. In den wenigen Tagen, die wir hier verbringen, geben sie uns das Gefühl, dass wir dazugehören. Und auch, wenn die Zeichen westlichen Einflusses nicht mehr zu übersehen sind – die Magie des Ortes bleibt ungebrochen.  

©Susanne Pinn